Kleidung vs. Stil – Der Fehler der Studenten

Brillen groß wie Glasbausteine. Den Dutt künstlerisch wertvoll und individuell leicht schief auf das bewusst selbstzweifelnde Haupt voller Grips geflochten. Die Klamotten aus dem Schrank Anette von Droste-Hülshoffs – einzigartig. Oder das teure Hemd in der Anzughose, das teurere Jackett lässig mit nur einem Knopf verschlossen, die teuerste Krawatte sitzt perfekt, die billigen Haare aalglatt gestriegelt wie das darunter schlummernde Ego. Oder die Hose in den Kniekehlen, zerrissen und voller Flicken, das verranzte Baseballcap leicht schief auf den dezent modrigen Dreadlocks. „Atomkraft? Nein, Danke!“ und „ Fessenheim abschalten!“ – Patches auf dem Rucksack, der vor einigen Jahrzehnten im Schlussverkauf der Schweizer Armee zu ergattern war und über 23 Flohmärkte seinen jetzigen Besitzer glücklich erreicht hat.  Die studentische Selbstsuche manifestiert sich wohl in keinem Bereich so deutlich wie in der Wahl des Kleidungsstils. Oh, wie leicht kann man daneben greifen! Oh, wie leicht mit beiden Händen ins Klo!

Nur damit es keine Missverständnisse gibt: „Studenten“ meint hier nicht immer nur Studenten. Es gibt sicherlich auch Elektronikerauszubildende oder Busfahrer, die sich auf einer ähnlichen Odyssee der Stilsuche befinden. Aber bei Studenten hat sich doch das Gefühl gesetzt, dass das Problem hier besonders eklatant ist. Vielleicht, weil man als Student ja sowieso tragen kann, was man will. Wie dem auch sei. „Student“ meint hier jeden, der sich in den Beschreibungen wiederfindet oder eben von anderen wiedergefunden wird.

Die Varietät der Kleidungsstile ist auf dem Campus tatsächlich auffällig groß. Neben den zu Anfang beschriebenen Prototypen „Geisteswissenschaftlerin“, „BWLer“ und „Ethnologe/Ethnologin“ gibt es noch Dutzende anderer Prototypen, die wenigstens noch kurz Erwähnung finden sollten. Ein bekanntes Beispiel ist auch der männliche Geisteswissenschaftler. Wichtigste Erkennungsmerkmale sind ein möglichst dünnes, mit möglichst tiefem V-Ausschnitt versehenes Shirt, dazu passend, um die körperliche wie geistige Lebemann-Fragilität auszudrücken, wahlweise froschgrüne, erdbeerrote oder schlicht schwarze Skinny-Jeans. Er ist eher bestiefelt als beschuht und wenn er doch beschuht ist, dann zumeist mit ledernen, knöchelhohen, laut klackernden Schuhen, die über die enge Jeans gezogen werden können. Abgerundet wird das ganze durch die Strickjacke, die Oma Kelle ihrem kleinen Enkelsohn schon 1955 für die kalten Winter in Oberösterreich gestrickt hat. Wenn es richtig gut läuft, sind übrigens sogar Rentiere auf der Jacke zu finden. Gemeinsam mit den weiblichen Vertretern des Prototyps „Geisteswissenschaftsstudent“ haben unsere Freunde die bereits erwähnte Riesenbrille und eine selbstgedrehte Fluppe im Mund. Die Funktion einer Zigarette als Modeaccessoire mag streitbar sein, dennoch rundet sie das kafkaeske Denkerimage, das transportiert werden soll unnachahmlich ab.

Dann gäbe es da noch den Prototyp „Jurist“. Der zeichnet sich durch den Versuch aus, den Stil „seriös, aber noch jugendlich“ zu treffen, was meistens mit dem Treffen des Stils „Langeweile“ endet. Die Haare sind kurz und vorne mit Gel hochgeschmiert, oder einfach ganz ohne irgendeine erkennbare Frisur. Brille ist auch hier Standard, aber nicht im Glasbausteinformat, sondern etwas dezenter, sie wollen nicht wie große Denker wirken, sondern wie kompetente Analytiker. Menschen, denen man ihr Wissen und ihre Ernsthaftigkeit ansieht. Deswegen keine grellen Farben, keine zu engen Hosen, weder bei Mann noch Frau, keine Haut, weder bei Mann noch bei Frau. Und so manch fortgeschrittener Vertreter dieser Gattung nähert sich mit Schmierlappenfrisur und Anzug dem Protoyp „BWLer“ gefährlich nah an. In der Tat eine unheilvolle Symbiose, die sich in der Wahl eines ähnlichen Kleidungsstils auch gesellschaftlich dunkel am Horizont der Zukunft abzeichnet!

Der Prototyp „Naturwissenschaftler“ ist da aus anderem Holz geschnitzt. Sein Stil ist eher destruktiv und sehr bemüht darum möglichst keinen Stil darzustellen. Kleidung ist für ihn vor allem eines: Zweckmäßig. Hauptsache die Hose passt! Der Stoff sollte auch ein paar Jahre halten und mehr als 25€ muss man für so ein Beinkleid auch nicht unbedingt hinlegen! Dazu gibt es dann vielleicht ein schwarz-graues Metallica T-Shirt mit Splatter-Motivik oder auch einfach ein weißes Shirt von einem der billigen Discounter. Nur für die Jacke gibt er ein paar Euro mehr aus. Da darf es auch schonmal von der Wolfstatze kommen. Schließlich wird’s im Winter ja kalt – auch wenn man seinem geisteswissenschaftlich geprägten Bruder Omas Strickjacke beim letzten gemeinsamen Heimatbesuch vom Wäscheständer geklaut hat.

All diese verschiedenen Stile drücken bestimmte Lebensgefühle aus. Lebemann, Rationalist, Representer und noch so viele weitere. Aber sie sind auch als eine Art Momentaufnahme auf der Suche nach einer eigenen Identität zu sehen. Das ergibt sich leicht, wenn man sieht, wie sich das Gros der Menschen über 40 kleidet – nämlich deutlich weniger innovativ, aber eben oftmals auch weniger ins Klo gegriffen. Was einem da lieber ist, muss jeder selbst entscheiden. Der Autor plädiert ja doch für die gute, alte Jeans und ein dezentes, aber lässiges T-Shirt mit Kapuzenpullover. Das mag nicht der sexieste Stil der Welt sein, aber wie Lucas Gregorowitz als „Stefan“ doch in dem wunderbaren Film „Lammbock“ treffend formulierte: „Man sollte immer ein gewisses Understatement wahren.“  Für den Geisteswissenschaftler mit Denkerbrille scheint Understatement jedoch ein Fremdwort. Genauso für den BWLer und viele andere. Nur weil man mal einen Satz von Goethe verstanden hat, ist man noch kein Weltliterat und nur weil man tatsächlich weiß, was sich hinter „Controlling“ und „Facility Management“ verbirgt, ist man noch kein steinreicher Broker.

Also ruhig bleiben, Freunde. Wahrt ein gewisses Understatement und lasst euren Stil dabei mitmachen.

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7 Antworten

  1. Also ich bin auch Geisteswissenschaftlerin und meine Brille ist auch verhältnismäßig groß. Das liegt allerdings daran, dass ich ein eher dickliches Gesicht habe und mit einer markanteren Brille schlanker aussehe. Mit Mode kann man also auch tricksen!

    Die Stereotypen sind im Allgemeinen aber witzig und zutreffen geschrieben. 🙂

  2. gefällt gut!

    aber das mit dem understatement kommt in lammbock von stefan (lucas gregorowicz) 😉

  3. Ein sehr peinlicher Fehler, der jetzt verbessert ist! Sollte nicht unbedingt passieren! Du hast selbstverständlich Recht, saggo! Vielen Dank für den Hinweis!

  4. irgendwie konnte ich mir ein GANZ GENAUES bild von dem prototyp „geisteswissenschaftler“ machen… hast du davor zufällig den größten aller größten geisteswissenschaftler gesehen?? 😀

  5. Nein, leider ist mir Herr Langewiesche noch nie persönlich begegnet!

  6. Durchaus treffend!

  7. ich finds witzig. und obwohl ich selbst geisteswissenschaftler bin (und sogar absichtlich, nicht, weil ich einfach nichts anderes bekommen habe) krieg ich auch immer einen würgereiz wenn ich hippie hipster und seine freundin herta sehe… oder jura johannes mit seiner perlen paula oder bio paul oder, oder, oder…

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